Im Winter zeigt sich die französische Küste von ihrer ursprünglichsten Seite. Der Wind peitscht das Gesicht, die Wellen krachen gegen die Klippen, die salzige Luft wirkt belebend. Die Strände sind menschenleer – ein Glück für alle, die Weite und Ruhe suchen. Und in den Fischrestaurants knistert wieder das Kaminfeuer, während draußen die Natur ein spektakuläres Schauspiel bietet. Zeit, Gummistiefel und Regenjacke anzuziehen und sich auf einen intensiven Spaziergang entlang der Küsten Frankreichs einzulassen.
Naturgewalten hautnah spüren

Tiefe Wolken, kräftiger Wind, aufgewühlte See – der Winter ist die Jahreszeit für echte Begegnungen mit den Elementen. An den berühmten Kreidefelsen von Étretat in der Normandie sorgt das sanfte Winterlicht dafür, dass die Brandung die Formen des Gesteins besonders eindrucksvoll hervorhebt.
Weiter südlich, an der Grande Plage von Biarritz im Baskenland, reflektiert der goldene Sand die wenigen Sonnenstrahlen – und du stehst allein vor einer imposanten Atlantikdünung.
In der stillen Baie de Somme schließlich, eingehüllt in eine fast gedämpfte Ruhe, wird der Blick aufs Meer zu einer beinahe meditativen Erfahrung. Atmen, schauen, ganz im Moment sein.
Winterlicht und große Horizonte

Das Winterlicht verleiht der französischen Küste eine ganz besondere Magie: flach, wechselhaft und von erstaunlicher Intensität. Auf Belle-Île-en-Mer oder der Île de Groix in der Bretagne verwandeln Gewitterhimmel, plötzliche Aufhellungen und metallische Reflexe auf dem Meer jeden Spaziergang in ein lebendiges Gemälde.
Im baskischen Guéthary entfaltet sich diese Atmosphäre besonders bei Sonnenuntergang. Die Farben sind tief, die Stimmung ruhig – perfekt, um neue Energie zu tanken.
Blütenpracht mitten im Winter

Der Winter ist auch eine Zeit überraschender Farben. An der Côte d’Azur führt die berühmte Route du Mimosa von Januar bis März durch leuchtend gelbe Landschaften. Mimosenblüten treffen auf azurblauen Himmel und türkisfarbenes Meer, begleitet von ihrem unverkennbaren Duft. Im Var wird die Pflanze jedes Jahr Mitte Februar mit farbenfrohen Umzügen gefeiert, etwa in Bormes-les-Mimosas oder Mandelieu-la-Napoule.
An der bretonischen Küste wiederum setzen von Dezember bis März Kamelien in Rosa-, Fuchsia- und Rottönen leuchtende Akzente vor dem oft anthrazitgrauen Himmel.
Und auf Korsika färbt die blühende Heide das gesamte Küstenband in ein warmes Kupferorange – ein einzigartiger Kontrast zum winterlichen Licht.
Meeresgenuss mit Aussicht – ganz ohne Kälte
Was gibt es Tröstlicheres als eine Meeresfrüchteplatte im Warmen, mit Blick auf das tosende Meer? In Okzitanien, nahe Sète, empfängt die Maison Tarbouriech ihre Gäste am Étang de Thau. In einer ehemaligen „Folie“ aus dem 18. Jahrhundert genießt man hier Austern zwischen Lagune, Weinbergen und Meer.
Weiter nördlich, in der Bucht von Saint-Brieuc in der Bretagne, bietet das Sternerestaurant Asten in Binic eine feine, moderne Küche der Meere – mit Panoramablick auf Hafen und Strand, fernab vom Sommertrubel.
Endlose Strände für lange Winterspaziergänge

Außerhalb der Saison scheinen die Strände kein Ende zu nehmen. Besonders eindrucksvoll ist die Côte d’Opale in den Hauts-de-France. Das Naturschutzgebiet der Deux Caps bietet gut markierte Wege zwischen Ärmelkanal und windgepeitschten Wiesen. Eingehüllt in warme Kleidung wanderst du durch die Gischt, begleitet vom Ruf der Möwen und dem gleichmäßigen Rollen der Wellen.
An der Côte Vermeille in Okzitanien zeigt sich der Winter sonniger, fast mediterran. Blaue Himmel, leere Strände und eine ruhige See machen den Küstenpfad zwischen Le Racou und Collioure – vorbei an den Buchten der Porteils und der Anse de l’Ouille – zur idealen Winterroute.
Eintauchen statt nur Zuschauen

Baden ist nicht nur eine Sommerangelegenheit. Mit Neoprenanzug erfreut sich das Longe-Côte – das Gehen im Wasser – wachsender Beliebtheit, etwa auf der Île de Ré, der Île d’Oléron oder entlang der Atlantikküste und des Hérault-Litorals. Das kalte Wasser wirkt belebend und wärmend zugleich – für Körper und Geist. Auch das Neujahrsbaden hat in Frankreich Tradition und gewinnt jedes Jahr neue Anhänger. Von der Bretagne über das Baskenland bis zur Côte d’Azur gehört der Sprung ins kalte Meer zum festen Winterritual. In Nizza etwa wird seit der Zeit der Befreiung jedes Jahr am 22. Dezember auf der Promenade des Anglais gemeinsam angebadet.
Ikonen Frankreichs – im Winter ganz für dich

Wenn die Besucherströme abebben, entfalten Frankreichs berühmteste Orte eine neue, stille Kraft. Steige die windumtoste Dune du Pilat hinauf und genieße vom höchsten Dünenkamm Europas den Blick über das Bassin d’Arcachon – fast allein.
Durchquere die Bucht des legendären Mont-Saint-Michel im klaren Winterlicht, koste die berühmte Omelette de la Mère Poulard in aller Ruhe oder betrachte die Stadtmauern von Saint-Malo unter schiefergrauem Himmel, wenn die Korsarenstadt wieder zu sich selbst findet. Der Winter zeigt diese Orte in ihrer rohen, authentischen Schönheit – und schenkt dir Zeit, sie wirklich zu erleben.

Von Marie Raymond
Journalistin
Marie ist Journalistin für Tourismus und Kultur und hat eine echte kleine Schwäche: Sie schreibt überall, aber auf keinen Fall in einem Büro. Sie lässt sich vom Zeitgeist und aktuellen Bewegungen inspirieren.








